Positionspapier der Landesforschungsgemeinschaften und der Zuse-Gemeinschaft
zur Ausgestaltung der Säulen Transferbooster und Deutsche Anwendungsforschungsgemeinschaft (DAFG) im Rahmen der Dachmarke „Initiative Forschung & Anwendung“
Präambel
Deutschland steht vor tiefgreifenden technologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Für ihre Bewältigung braucht es ein leistungsfähiges, vielfältiges und stark vernetztes System der anwendungsorientierten Forschung – bestehend aus Universitäten, Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) und außeruniversitären gemeinnützigen Forschungseinrichtungen sowie einer Vielzahl weiterer Innovationsakteure aus Wirtschaft, Gesellschaft und den Regionen.
Wir, als die transferstärksten Institutionen in Deutschland (mit über 40.000 Euro Wirtschaftserlösen pro Jahr und Mitarbeiter/in), begrüßen daher ausdrücklich den im Koalitionsvertrag formulierten politischen Willen, die „Initiative Forschung & Anwendung“ auf- und auszubauen und den Transfer sowie die praxisnahe Forschung zu stärken.
Die Unterzeichnenden verstehen sich als Partner in diesem Prozess – offen für Kooperation, fairen Wettbewerb der besten Ideen und eine gemeinsame Verantwortung für die Zukunft des Innovationsstandorts Deutschland.
1. Vielfalt als Stärke – komplementäre Rollen im Innovationssystem
Ein zukunftsfähiges Innovationssystem braucht alle relevanten Akteure:
- Universitäten als Orte wissenschaftlicher Exzellenz insbesondere in der Grundlagenforschung und Nachwuchsentwicklung
- HAWs als tief verankerte Partner regionaler Innovationsökosysteme und Orte einer hervorragenden Fachkräfteausbildung mit starkem Praxisbezug
- gemeinnützige außeruniversitäre Institute als überregional arbeitende, transferstärkste, branchenspezifische Technologietreiber
- Unternehmen, Verbände und gesellschaftliche Akteure, die Anwendung, Bedarf und Umsetzung steuern
Diese Vielfalt ist eine zentrale Stärke. Jeder Akteur sollte seine Kernaufgaben wahrnehmen. Deshalb sprechen wir uns für ein Fördermodell aus, das diese Diversität nicht einengt, sondern ermöglicht und weiter ausbaut.
2. Transfer braucht regionale und branchenorientierte Strukturen
Transfer erfolgt in Deutschland auf verschiedenen Ebenen:
- regional, eng verknüpft mit lokalen KMU, kommunalen Strukturen und lokalen Innovationsnetzwerken
- branchenorientiert, entlang nationaler und internationaler Wertschöpfungsketten
- technologisch, durch Industrien, Forschungsinfrastrukturen und spezialisierte Institute
- gesellschaftlich, in Sozial- und Gesundheitsbereichen oder Transformationsprojekten
Um Innovationskraft zu entfalten, müssen alle Ebenen berücksichtigt werden.
Wir schlagen deshalb vor:
Ein Transferbooster, der offen ist für Konsortialführerschaften von HAWs, Universitäten oder außeruniversitären gemeinnützigen Instituten – je nach thematischer Passung, regionalem Bedarf und Expertise. So entsteht ein Modell, das effizient, zielorientiert, leistungsfähig, und wettbewerbsorientiert ist.
3. Ein offener Transferbooster – Wettbewerb statt Exklusivität
Für die Ausgestaltung des Transferboosters empfehlen wir:
3.1. Offene Konsortialführerschaften
Förderkonsortien sollen von all jenen Akteuren geführt werden können, die für das jeweilige Thema die beste fachliche, regionale oder branchenorientierte Passung und eine passgenaue, herausragende Forschungsinfrastruktur mitbringen.Das schafft effizienten Transfer durch faire Wettbewerbssituationen, transparente Verfahren, klare Kriterien statt institutioneller Automatismen und Vertrauen aller beteiligten Akteure.
3.2. Wettbewerb der besten Ideen
Wir sprechen uns dafür aus, die Vergabe ausschließlich wissenschafts- und qualitätsgeleitet vorzunehmen. Das stärkt Glaubwürdigkeit, Transparenz und Leistungsorientierung.
4. Bürokratie abbauen – Verfahren beschleunigen
Die Unterzeichnenden teilen die breite Forderung vieler Akteure – einschließlich der HAWs – nach einer deutlichen Verwaltungsmodernisierung der Förderlandschaft.
Wir unterstützen daher:
- niedrigschwellige Zugänge für Antragstellende
- Gleiche Förder- und Zugangskonditionen für alle Antragstellende
- zweistufige Verfahren mit schneller Vorauswahl
- Time-to-Money-orientierte Bewilligungen
- digitale und schlanke Berichtsprozesse
- Verlässlichkeit und Verstetigung der Förderprogramme
5. Die DAFG – eine akteursoffene Säule der Anwendungsforschung
Deutschland braucht – ergänzend zur DFG für die Grundlagenforschung – eine ebenso starke, sichtbare und institutionelle Säule für die anwendungsorientierte Forschung.
Die geplante DAFG kann diese Rolle übernehmen: als nationale Organisation, die alle Akteure der angewandten Forschung adressiert und fördert – Universitäten, HAWs sowie außeruniversitäre, gemeinnützige Forschungseinrichtungen.
Für eine erfolgreiche Ausgestaltung sind aus unserer Sicht folgende Punkte zentral:
- Offenheit für alle ForschungsträgerAusrichtung auf den gesamten Bereich der Anwendungsforschung, nicht ausschließlich auf HAW-spezifische Belange
- Komplementarität zur DFG, um Grundlagenforschung und anwendungsorientierte Forschung strukturell ausgewogen zu fördern
- Moderne, schlanke, schnelle und unbürokratische Verfahren, die der Dynamik anwendungsorientierter Forschung gerecht werden
Damit Deutschland wieder eine Innovationsdynamik auf globalem Spitzenniveau entwickeln kann, braucht es eine DAFG mit den relevanten Transferplayern als starken systemischen Baustein des deutschen Wissenschaftssystems.Die DAFG muss ein Ort des fairen Wettbewerbs der besten Ideen sein, unabhängig davon, an welcher Institution sie entstehen.
6. Empfehlungen für die „Initiative Forschung & Anwendung“
Wir empfehlen dem Bund:
- Offene Bewerbung um Konsortialführerschaften – unabhängig von Hochschultyp oder Institution
- Kooperation statt Separation – HAWs, Universitäten und außeruniversitäre, gemeinnützige Institute als gemeinsam handelnde Partner
- Faire, qualitätsgeleitete Wettbewerbe – statt exklusiver Zugänge
- Pluraler Ansatz im Transfer – regionale und branchenorientierte Modelle gleichberechtigt stärken
- Schlanke, digitale und beschleunigte Verfahren
- Verlässliche und langfristige Förderstrukturen
Schlussbemerkung
Deutschland braucht nicht weniger, sondern mehr Zusammenarbeit, Vielfalt und Fairness im Innovationssystem. Ein starker Transferbooster und eine schlagkräftige DAFG können nur dann ihren vollen Beitrag leisten, wenn alle relevanten Akteure beteiligt werden.
Gemeinsam können Universitäten, HAWs und außeruniversitäre Institute und Wirtschaftsakteure ein innovationsfreundliches Umfeld schaffen, in dem die besten Ideen den größten Hebel entwickeln – für die Regionen, für die Branchen und für den Innovationsstandort Deutschland insgesamt.
Zu den Verfassern: Dieses Papier spiegelt die gemeinsame Position von über 130 praxisnahen, gemeinnützigen Forschungsinstituten wider – organisiert in der bundesweiten Zuse-Gemeinschaft sowie den Landesforschungsgemeinschaften JRF (NRW), innBW (BW), SIG (Sachsen) und FTVT (Thüringen). Mit rund 8.000 Beschäftigten sind sie zentrale Innovationspartner des Mittelstands. Als anwendungsorientierte Transferinstitute gestalten sie den Wissens- und Technologietransfer in die Wirtschaft – insbesondere in die KMU – und sind stark in regionale Strukturen und Kooperationen eingebunden.
Das Positionspapier steht für Sie hier zum Download bereit.