Gefährliche Schieflage: Die einfache horizontale Umreifung reicht hier kaum aus. Bildquelle: Wiesgrill/VLB

Berlin, 31. Mai 2021. Mit der bevorstehenden Öffnung von Biergärten, Restaurants und Gaststätten steigt in Deutschland die Nachfrage nach Fassbier. Es gibt einiges aufzuholen – sank doch der Bierausstoß in Deutschland 2020 pandemiebedingt gegenüber dem Vorjahr um rund 5 Prozent auf 87 Millionen Hektoliter, der Pro-Kopf-Verbrauch fiel in ähnlicher Größenordnung auf 94,6 l. Jetzt aber dürften sommerliche Temperaturen und Sport-Großereignisse für mehr Bierdurst sorgen.

Doch muss das Bier sicher zum Kunden kommen. Die Werkzeuge dafür hat die Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin (VLB), Mitglied der Zuse-Gemeinschaft. Mit ihrer „Motion Base“, einem mobilen Prüfstand, testet sie die Ladesicherheit auf Bierlastern.

Kurvendiskussion

„Sorgten früher die Bierkutscher mit ihren Brauereipferden für Entschleunigung auf den Straßen, sind die heutigen teils langen Lkw-Fahrten von Bier in Fässern und Kästen ein Risikofaktor, wenn es an guter Ladungssicherung fehlt“, warnt VLB-Experte Norbert Heyer. Mit seinem Team testet er auf der „Motion Base“, ob Kästen und Fässer sicher auf Palette und Ladeflächen sitzen – und wie es besser geht. „Viele Unfälle passieren in Kurven, physikalische Gesetzmäßigkeiten sind daher unser Kerngeschäft“, ergänzt Christian Raschke, Verpackungstechnologe des Teams. Dazu wird auf dem Prüfstand kräftig an den Gebinden geschüttelt, gerüttelt und gestoßen, wie im Straßenverkehr.

In Kooperation mit Brauereien zeigt die VLB die „Motion Base“ in Aktion gern direkt in vielen der bundesweit mehr als 1.500 Braustätten. Das hat eine lehrreiche und abschreckende Wirkung. Denn jeder Unfall ist einer zu viel. In der VLB im Berliner Stadtteil Wedding kommt der mobile Prüfstand in der Brau- und Destillateur-Meister Ausbildung zum Einsatz, um den künftigen Fach- und Führungskräften die Risiken schlechter Ladungssicherung vor Augen zu führen.

In der angewandten Forschung nutzt die VLB den innovativen Prüfstand, um bei der Entwicklung von neuen Mehrwegkästen vorherzusagen, wie sich Ladeeinheiten mit neu designten Bierkisten auf der Straße verhalten.VLB MotionBase IMG 9937 BeitragDie VLB-Motion Base kann unterschiedliche Bewegungsabläufe simulieren. Drehbewegungen um die Achsen, Höhenverstellbarkeit und Knickbewegungen gehören dazu. Bildquelle: Wiesgrill/VLB

Weniger Plastik mit genaueren Prognosen

Aktuell prüft Heyers Team, wie Ladungen, so mit Fassbier, stabiler gemacht werden können. Dabei wird neben der horizontalen Umreifung auch eine vertikale Umreifung erprobt. Eine solche Lösung gibt es zwar schon mit Kunststoffbändchen. Neu ist aber der Einsatz von Schnüren, die zu 30 Prozent aus Baumwolle sowie aus recycelten Textilfasern aus der Autositzproduktion bestehen. Denn neben der Sicherheit geht es der VLB auch um umweltfreundlichere Verpackungen. Sei es die Anzahl der Wicklungen am Fuß- oder Kopfende der Ladungen oder das Testen von diagonal verlaufenden Folienbahnen - an vielen Stellen lässt sich Material beim Transport einsparen. „Projekte aus der Praxis haben gezeigt, dass bei gleicher Menge an Folie die Stabilität der Ladeeinheiten erhöht werden konnte“, erläutert Raschke.

Mit INNO-KOM erfolgreich im Forschungstransfer

Der mobile Prüfstand war 2015 als ein vom Bundeswirtschaftsministerium finanziertes Förderprojekt der angewandten Forschung im Programm INNO-KOM gestartet. Fünf Jahre später steht die „Motion Base“ solide auf wackligen Füßen: Weil die das A und O ihres Versuchsaufbaus sind. Wirtschaftlich trägt sich die mit Steuermitteln geförderte Entwicklung. „Für uns ist der mobile Prüfstand ein Beispiel dafür, wie Projektförderung des Bundes zielgenau zu erfolgreichem Forschungstransfer in die unternehmerische Praxis führt“, erklärt VLB-Geschäftsführer Gerhard Andreas Schreiber.

An der VLB wird übrigens nicht nur zu Bier, sondern auch zu anderen Gärprodukten geforscht. „Unsere Hefe-Datenbank bietet ein großes Reservoir auch für die erfolgreiche Entwicklung von nicht-alkoholischen Innovationen“, hebt Schreiber hervor.

Für den Präsidenten der Zuse-Gemeinschaft, Prof. Martin Bastian, ist das Projekt ein Beispiel für erfolgreiche Projektentwicklung in der gemeinnützigen Industrieforschung, die Technologie- ebenso wie Wissenstransfer in den Fokus nimmt. „Erst wenn technische Neuerungen aus der angewandten Forschung als Innovationen auch in der betrieblichen Realität von Unternehmen zur Geltung kommen, kann ein Mehrwert für Gesellschaft und Verbraucher entstehen“, betont Bastian.

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