Update Forschungspolitik

Regional eingefärbte Deutschlandkarten haben in Zeiten der Pandemie Konjunktur. Bekannt sind sie uns, um die Verbreitung des Covid-19 Virus darzustellen. Bis auf Landkreisgrenzen werden die Fallzahlen aufgeschlüsselt und in Medien kommuniziert. Weniger kleinteilig geht es hingegen meist in der Forschungs- und Innovationspolitik zu. Hier sind es deutschlandweite Zielmarken die für Aufmerksamkeit sorgen.

Dazu gehören das Ziel der Bundesregierung eines Anteils von Forschung und Entwicklung (Fu) am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 3,5 Prozent bis 2025, die entsprechenden Ausgabensteigerungen von Staat und Wirtschaft oder auch der Rückgang der Innovatorenquote, der Experten und Medien beschäftigen.

Dieser überregionale Ansatz scheint sinnvoll, denn Forschung findet zumeist in überregionalen Zusammenhängen statt. Andererseits – das zeigt die rückläufige Innovatorenquote - hinkt gerade der häufig regional verwurzelte Mittelstand bei FuE hinterher – und droht vom deutschen FuE-Aufwärtstrend abgekoppelt zu werden. Auch die „Wirtschaftsweisen“ haben in ihrem jüngsten  Jahresgutachten 2020/21 vor der Entwicklung gewarnt. Private Innovationsausgaben seien in Deutschland auf Großunternehmen konzentriert. Die Wirtschaftsweisen empfehlen daher, Innovationsanreize für KMU zu stärken.

Wie Großunternehmen das Bild von FuE in Deutschland prägen, zeigt auch unsere neue Infografik „Pro Kopf Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Deutschland“ auf Basis von Eurostat-Daten, die sich auf Zahlen des Stifterverbandes stützen. Dicht hinter dem Regierungsbezirk Stuttgart an der Spitze liegt die Statistische Region Braunschweig – Heimat des Volkwagen-Stammwerks in Wolfsburg - mit FuE-Ausgaben von 3.683 Euro pro Kopf. Die beiden Regionen bringen es bei den Pro-Kopf-Aufwendungen für FuE damit auf mehr als das Dreifache des Bundesmittels von 1.206 Euro. Zugleich ist die Aussagekraft der Statistik aber nur bedingt belastbar.

Volkswagen meldet FuE in Wolfsburg

So meldet der Volkswagen Konzern laut Angaben eines Sprechers die Forschungs- und Entwicklungskosten seiner deutschen Standorte „dort, wo der jeweilige Sitz der Gesellschaft ist. Für die Volkswagen AG also in Wolfsburg.“ Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass andere Standorte des VW-Konzerns und damit deren Regionen in der Statistik unterrepräsentiert sind. Denn beispielsweise betreibt Volkswagen auch Forschung in Sachsen, verbucht wird dies aber am Standort des Konzernsitzes in Wolfsburg. Ähnliches dürfte entsprechend für andere deutsche Großunternehmen gelten.

Auch andere süddeutsche Regionen wie Oberbayern oder Karlsruhe liegen deutlich über dem bundesweiten FuE-Mittel, wenn auch lange nicht so weit wie Stuttgart. Die Zentralen großer Unternehmen sind in großen Städten im Süden und Westen Deutschlands angesiedelt, wo dann häufig auch ihre FuE statistisch verortet sein dürften.

Starke Unterschiede auch in Süddeutschland

Doch nicht alle süddeutschen Regionen schneiden so gut ab. So liegt Unterfranken, wo sich die Regionshauptstadt Würzburg mit ihren zwei Instituten der Zuse-Gemeinschaft SKZ und ZAE Bayern befindet, mit 1.130 Euro an FuE-Pro-Kopf-Ausgaben unter dem bundesweiten Mittel. In noch viel stärkerem Maße gilt das für Bayerisch-Schwaben. Für diesen Regierungsbezirk werden die Pro-Kopf-Aufwendungen für FuE lediglich mit 628 Euro angegeben, das entspricht etwa dem EU-Mittel. Dass Schwaben dermaßen stark von seinen Nachbarregionen abgekoppelt scheint, dürfte auch an Pendlern liegen, die in umliegenden Regionen arbeiten und deren FuE-Erträge damit nicht Schwaben, sondern den Orten zugeschlagen werden, in denen die Pendler arbeiten.

Ähnliches gilt für den Norden Deutschlands, wo Hamburg Sogwirkung hat. Die umliegende Region Lüneburg rangiert mit FuE-Ausgaben pro Kopf von 250 Euro im bundesweiten Vergleich knapp vor Koblenz (230 Euro) ganz am Ende. Außer den Stadtstaaten Hamburg und Bremen sowie der Volkswagen-Region Braunschweig bleiben auch alle anderen norddeutschen Regionen weit unter dem Bundesschnitt.

Ähnliches gilt für ostdeutsche Landesteile. Dort tut sich die Metropole Berlin hervor. Mithalten kann die Region Dresden, wo sich die FuE-Aufwendungen mit 1.244 Euro pro Kopf nahe am Bundesschnitt bewegen.

Die bei Eurostat verfügbaren Zahlen sind also nur bedingt aussagekräftig. Die regionalen Unterschiede dürften bedingt durch Systematik und Meldeverfahren bei Konzernen zumindest teilweise überzeichnet sein.  

Die statistisch verzeichneten starken regionalen Unterschiede können aber auch ein Hinweis darauf sein, warum die Forschungs- und Innovationspolitik in den vergangenen Jahren zusehends Geschmack auch an regional ausgerichteten Programmen gefunden hat. Nicht umsonst löste eine Studie des IW Halle über Parteigrenzen hinweg Empörung in der Politik aus. Das IW Halle hatte in einer Bilanz zur deutschen Einheit argumentiert, in der Wissensgesellschaft seien Städte die zentralen Orte von Forschung und Innovation und mit Blick auf die neuen Bundesländer kritisch zu fortgesetzter Strukturförderung auch in ländlich geprägten Räumen Stellung bezogen. Das war auf Widerspruch u.a. bei Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff gestoßen.

Hoher Wert regionaler und überregionaler Zusammenarbeit

Für Institute der Zuse-Gemeinschaft ist es ein Sowohl-als-Auch. Nicht nur in staatlich geförderten Projekten, sondern auch in der Auftragsforschung für Unternehmen kooperieren sie mit regionalen ebenso wie mit überregionalen Partnern. Häufig stammen diese Partner aus dem Mittelstand. Damit leisten die Institute der Zuse-Gemeinschaft einen wichtigen Beitrag zur von den Wirtschaftsweisen angemahnten Förderung von KMU-Innovationen. Beispielsweise entwickelte das Krefelder DTNW zusammen mit Partnern aus  NRW, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern erfolgreich einen Weg zur Fixierung von Enzymen auf Textilien. Das Projekt wurde durch das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand (ZIM) des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert. Umgekehrt haben auch Forschungsinstitute der Zuse-Gemeinschaft aus Ostdeutschland zusammen mit Partnern aus den alten Bundesländern erfolgreiche zum Teil langjährig etablierte Kooperationen angestoßen und weiter entwickelt, in staatlich geförderten Projekten ebenso wie in der bilateralen Auftragsforschung.

Erfolgsbeispiele aus der Zuse-Gemeinschaft zeigen den Wert gerade auch überregionaler Zusammenarbeit für die Schaffung erfolgreicher Innovationen. Deshalb setzt sich die Zuse-Gemeinschaft auch für eine bundesweite Öffnung des Programms INNO-KOM ein, wie auch das ZIM bundesweit verfügbar ist. INNO-KOM ist auf praxisnah forschende, gemeinnützige Industrieforschungseinrichtungen zugeschnitten. Gleichzeitig begrenzt die Ende 2021 auslaufende INNO-KOM-Richtlinie aber die Zielgruppe des Programms auf Institute, die in strukturschwachen Regionen ansässig sind. Diese Beschränkung sollte nach dem Dafürhalten der Zuse-Gemeinschaft aufgehoben werden, damit das erfolgreiche Programm INNO-KOM noch mehr Mittelständler in Ost- und West-, Nord- und Süddeutschland erreichen kann.

Alexander Knebel
Pressesprecher der Zuse-Gemeinschaft

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 01/2021 der ZUSE TRANSFERNEWS.