Update Forschungspolitik

Wie hält man Wissenschaftsjournalismus nicht nur am Leben, sondern lässt ihn auch florieren? Vorschläge dafür hat die Wissenschaftspressekonferenz (WPK) gemacht, in deren Freundeskreis die Zuse-Gemeinschaft Mitglied ist. WPK-Geschäftsführer Franco Zotta erklärt im Interview die Vorstöße. So will die WPK 2022 einen Innovationsfonds für Wissenschaftsjournalismus auflegen. „Wir werden den Fonds im Frühjahr 2022 ausschreiben und wollen über drei Jahre jährlich bis zu 300.000 Euro ausschütten“, sagt Zotta. Er plädiert darüber hinaus aber auch für staatliche Unterstützung zugunsten des Wissenschaftsjournalismus. „Ein differenziertes und funktionsfähiges Mediensystem ist die beste Voraussetzung dafür, dass man ein Gegenüber hat, das sich genuin für Forschungs- und Innovationsfragen interessiert“, betont Zotta.

Herr Zotta, Sie beklagen eine durch Auflagen- und Anzeigenschwund gekennzeichnete „Medienkrise“ im Zuge der Digitalisierung. Welche Auswirkungen hat diese von Ihnen konstatierte Krise auf den Wissenschaftsjournalismus?

Die Digitalisierung ist nicht die alleinige Ursache der Medienkrise, der Auflagenschwund der Tageszeitungen hat beispielsweise schon in den neunziger Jahren begonnen. Aber die Digitalisierung hat die Medienkrise beschleunigt. Vor allem für die privatwirtschaftlich finanzierten Medienunternehmen hat die Krise existenzielle Züge angenommen, weil das Anzeigengeschäft kollabiert und damit die wichtigste Einnahmequelle weggebrochen ist. Für den Wissenschaftsjournalismus hat das mindestens zwei gravierende Effekte gehabt: In den besonders notleidenden regionalen Tageszeitungen ist eigenständiger Wissenschaftsjournalismus weitgehend verschwunden, weil die Ressorts de facto geschlossen wurden. Und die Honorare für freie Wissenschaftsjournalistinnen haben sich dermaßen verschlechtert, dass Autoren den Beruf wechseln oder mit einer chronisch schlechten und unsicheren Verdienstperspektive konfrontiert sind. Oder beides.

Die WPK hat sich die Arbeit an zukunftsfähigen Strukturen für den Wissenschaftsjournalismus zum Ziel gesetzt. Wie könnten solche Strukturen aussehen?

Das Mediensystem erlebt nicht nur wegen der Erlösprobleme weltweit einen tiefgreifenden Wandel. Angesichts der vielen komplexen Herausforderungen ist völlig offen, ob und wie wir künftig qualitativ hochwertigen Journalismus über Wissenschaft finanzieren können. Der Wandel birgt aber nicht nur Risiken, sondern auch vielfältige neue Möglichkeiten für den Journalismus: Etwa durch neue technische Tools und Verbreitungswege, Kooperationen mit anderen Berufen oder den einfacheren Dialog und Austausch mit dem Publikum. Welche Möglichkeiten genau darin stecken, muss man aber ausloten und ausprobieren können.

Deshalb kämpft die WPK zum einen für Ressourcen und Strukturen, die es Pionieren im Feld ermöglicht, diese neuen Wege auch praktisch zu beschreiten.  Deshalb werden wir im nächsten Jahr mit Unterstützung der Joachim Herz Stiftung einen Innovationsfonds für den Wissenschaftsjournalismus ausschreiben, wo diese Pioniere Geld und Support für neue Projektideen bekommen können. Wir werden den Fonds im Frühjahr 2022 ausschreiben und wollen über drei Jahre jährlich bis zu 300.000 Euro ausschütten.

Zudem hat die WPK in den letzten Jahren die Gespräche mit Akteuren außerhalb des Journalismus deutlich intensiviert, so mit Politik, Stiftungen, Wissenschaftsorganisationen. Wir sind überzeugt, dass die Herausforderungen für den Wissenschaftsjournalismus nur zu meistern sind, wenn es uns gelingt, übergreifende Bündnisse für hochwertigen Wissenschaftsjournalismus zu formen.  

Sie plädieren für staatliche Unterstützung zugunsten des Wissenschaftsjournalismus. Wie sollte diese Förderung nach Auffassung der WPK aussehen?

Wir möchten eine Verbrauchsstiftung zur Förderung des Wissenschaftsjournalismus gründen. Die Idee ist, dass der Staat, aber auch Dritte, einen Kapitalstock von mindestens 10 Millionen Euro zur Verfügung stellen, der in einem Zeitraum von 10 Jahren verbraucht wird. Das Geld soll dazu dienen, den Transformationsprozess im Wissenschaftsjournalismus konstruktiv und substanziell gestalten zu können. Das bedeutet vor allem: Neue und stabile Strukturen zu fördern, in denen Qualitätsjournalismus über Wissenschaft künftig wurzeln kann.

Laufen Sie da nicht Gefahr, dass Wissenschaftsjournalismus unter den Verdacht zumindest versuchter staatlicher Einflussnahme geraten könnte?

Wir kennen viele Beispiele dafür, dass Geld vom Staat nicht zwingend Abhängigkeiten erzeugt. Große Teile der Wissenschaft oder der Kultur sind staatlich finanziert, ohne dass diese Systeme vom Staat determiniert sind. Es hängt entscheidend davon ab, die Stiftungsstrukturen so zu bauen, dass staatliche Einflussnahme verhindert wird. Hier lohnt auch der Blick ins Ausland: Europäische Nachbarländer wie die Niederlande oder Dänemark fördern zum Teil seit Jahrzehnten Medien, und niemand sagt, deshalb sei die freie Presse in diesen Ländern bedroht. Es ist eine Frage guter Governance, ob eine Stiftung frei ist und ausschließlich dem Wohl des Wissenschaftsjournalismus dient.  

Die Zuse-Gemeinschaft nimmt für sich für erfolgreichen Forschungstransfer und geglückte Innovationen in Anspruch. Wie ließe sich das Interesse an solchen Innovationen in den Medien Ihrer Meinung nach weiter beleben?

Ein differenziertes und funktionsfähiges Mediensystem ist die beste Voraussetzung dafür, dass man ein Gegenüber hat, das sich genuin für Forschungs- und Innovationsfragen interessiert. Insofern sollten wir gemeinsam daran arbeiten, dass dieses System auch künftig Bestand hat. Nichtsdestotrotz gibt es aber auch blinde Flecken im Wissenschaftsjournalismus, die dazu geführt haben, dass manche Themen in den Redaktionen weniger Beachtung finden, Wissenschaftspolitik zum Beispiel, aber auch Innovationsfragen. Das lässt sich meines Erachtens nur dadurch ändern, indem man geduldig daran arbeitet, dass sich Akteure auf beiden Seiten besser kennenlernen und mehr voneinander erfahren. Die von der WPK mit verantwortete jährliche Wissenschaftsjournalismus-Konferenz WissensWerte ist ein solches Format, wo solche Begegnungen möglich sind. Sie sind herzlich eingeladen!

Die Fragen stellte Alexander Knebel, Pressesprecher, im August 2021.

Dieser Beitrag erschien zuerst in den ZUSE TRANSFERNEWS 05/2021 vom 6. September 2021.